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  5. Im Interview: Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS)
Portrait von Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit und Fachärztin für Anästhesiologie sowie Chief Patient Safety Officer der Universitätsmedizin Essen

APS Vorsitzende Dr. Ruth Hecker: „Patientensicherheit war noch nie so wichtig wie jetzt“

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) widmet sich der wichtigen Frage, wie wir in Deutschland eine Kultur für Patientensicherheit etablieren können. Die APS-Vorsitzende Dr. Ruth Hecker, Fachärztin für Anästhesiologie und Chief Patient Safety Officer der Universitätsmedizin Essen, erklärt im Interview, worum es im „APS Weißbuch“ geht – und warum sein Inhalt aktueller ist denn je.

Frau Dr. Hecker, welche Erfahrungen mit Patientensicherheit haben Sie als Fachärztin für Anästhesie? 

In der Anästhesie arbeiten wir seit den neunziger Jahren mit Checklisten und sind verpflichtet, alle unsere Geräte vor dem Einsatz auf Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Mit einer Narkose beeinflussen wir bei Patienten maßgeblich die lebenserhaltenen Eigenfunktionen – das ist grundsätzlich eine kritische Situation. Als Ärzte sind wir geschult darin, jede Handlung nach möglichen Risiken und Auswirkungen für die Patienten zu bewerten. Wie alle anderen sind aber auch wir nur Menschen und Menschen machen Fehler.  

Warum ist Patientensicherheit hierzulande ein so wichtiges Thema? 

Patientensicherheit stellt nach wie vor ein erhebliches Problem dar, das an die Größenordnung im Straßenverkehr Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert, bevor man bei knapp 22.000 Todesfällen pro Jahr damit anfing, das Problem wirksam zu bekämpfen – und zwar durch eine Kombination aus präventiv ausgerichteten Maßnahmen wie dem Sicherheitsgurt und elektronischen Hilfssystemen und konstruktiven Maßnahmen im Automobil- und Straßenbau. 

Wir hören immer, dass Deutschland das beste Gesundheitssystem hat und wissen zugleich aus Erfahrungen und Berichten von Mitarbeitern, Patienten und Angehörigen, dass hinsichtlich Patientensicherheit so viel Unerwünschtes passiert. Was gefährdet die Patientensicherheit und was können wir dagegen tun? Welche Faktoren fördern und hemmen eine sichere und qualitativ hochwertige Patientenversorgung? Das sind wichtige Kernfragen. 

Ist dies auch das Anliegen von „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ (APS)? 

Ja. Patientensicherheit nimmt eine zentrale Rolle im gesamten Gesundheitswesen ein und ist oberste Zielpriorität der Methoden im Risikomanagement. Jede vermiedene Patientenschädigung entlastet persönlich, gesellschaftlich und volkswirtschaftlich. Eine OECD-Studie stellt fest, dass allein im Krankenhaussektor 15 Prozent aller Aktivitäten und Kosten zur Behebung patientensicherheitsrelevanter Ereignisse aufgewendet werden. Das zeigt, dass es sich auch ökonomisch lohnt, Patientensicherheit zu priorisieren.

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Wie wirkt sich die Corona-Krise im Kontext von Patientensicherheit aus?  

Patientensicherheit war noch nie so wichtig wie jetzt. Wir benötigen das APS und seine breite Plattform mehr denn je, um von allen das Bekenntnis zur Patientensicherheit laut einzufordern. Risikobasiertes Denken ist unterentwickelt – ob in der Politik, in Körperschaften und Institutionen hin bis zu Geschäftsführungen und Vorständen von Gesundheitsreinrichtungen. Daher kommt es zu entscheidenden Fehlern, welche die Patientensicherheit gefährden. Viele dieser Fehler sind vermeidbar. 

2018 ist das „APS-Weißbuch Patientensicherheit“ erschienen. Was war die Grundidee dahinter? 

Knapp 20 Jahre nach Erscheinen von „To Err Is Human“ des ehemaligen Institute of Medicine (IOM) in den USA hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) mit dem „Weißbuch“ eine grundlegende Analyse zum Thema und konkrete Forderungen zur Verbesserung vorgestellt. Die zentrale Botschaft der Veröffentlichung ist: Mehr Patientensicherheit ist machbar. Der Schlüssel ist die Sicherheitskultur.  

Wie genau kann das aussehen? 

Bislang wenden wir Instrumente und Methoden nicht konsequent an. Veränderungen im Gesundheitswesen lassen sich nicht durch Einzelaktionen, sondern nur mit komplexen Mehrfachinterventionen erreichen. Im Weißbuch fordern wir ein erweitertes Verständnis von Patientensicherheit: eine Patientensicherheitskultur in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie eine aktive Einbindung der Patienten.  

Das APS hat die Erstellung des Weißbuchs ins Leben gerufen und intensiv begleitet. Im Rahmen unserer Offensive fordern wir, Patientensicherheit zum festen Bestandteil der Aus- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Gesundheitswesen zu machen, Verantwortliche für Patientensicherheit einzustellen und dass Patientensicherheit in die Führungsverantwortung fallen muss. 

Der Autor und ehemalige APS-Gründungsvorsitzender Prof. Dr. Matthias Schrappe hat nicht nur Theorie-Grundlagen, Erhebungsmethodik, Daten zur Häufigkeit und ökonomische Implikationen aufgearbeitet, sondern daraus ein innovatives Konzept entwickelt, das als Basis für die weitere praktische Entwicklung und gesundheitspolitische Bewertung des Themas dienen kann.  

Welche Definition von Patientensicherheit stellt das APS-Weißbuch vor?  

In Deutschland wird Patientensicherheit immer noch fast ausschließlich aus der Perspektive von Einrichtungen diskutiert – sowie für operative Akuterkrankungen, beispielsweise Komplikationen bei einer Hüft-OP.  

Patientensicherheit ist jedoch nicht allein durch eine Zahl von Komplikationen zu beschreiben, sondern vielmehr als die Fähigkeit von Einrichtungen in der Gesundheitsversorgung, sich in diesen komplexen Zusammenhängen mit Fehlern zu beschäftigen, z.B. verloren gegangenen Laborbefunden, daraus entstehende unerwünschte Ereignisse zu vermeiden und diese gegebenenfalls zu analysieren, um Widerholungsfehler zu vermeiden. Patientensicherheit ist in diesem Sinne nicht nur ein Zustand, sondern die Fähigkeit zu Verbesserung und Innovation.

Entsprechend verstehen wir Patientensicherheit als organisatorische Eigenschaft bzw. Systemeigenschaft, die sich durch die Fähigkeit zur vorbeugenden Vermeidung von unerwünschten Ereignissen und durch Innovationskompetenz auszeichnet. Beim APS sprechen wir übrigens auch von SEV, „Schwerwiegenden Ereignissen, die wir sicher Verhindern wollen“ und haben dazu eine SEVer-Liste erstellt.

Krankenpfegerin Light Patient Patientenarmband AUS Etikettendrucker Um Handgelenk
Die eindeutige Identifikation über Armbänder trägt einen wichtigen Teil zur Patientensicherheit bei. 

Wie lässt sich Patientensicherheit quantifizieren und bestimmen?  

Auf internationaler Ebene gibt es bereits erprobte ‚Patient Safety Indicators‘. Einige davon werden auch in Deutschland ausgewertet, bislang auf freiwilliger Basis. Außerdem gibt es Patientenbefragungen, Patient Reported Experience Measures, die in Deutschland nahezu unbekannt sind, und Mitarbeiterbefragungen, welche die erlebte Kultur der Patientensicherheit in den Fokus rücken. Diese Maßnahmen sind jedoch alle freiwillig und unausgereift, sie eignen sich daher nicht für eine vergleichende Bewertung.  

Welche Interventionen zur Verbesserung der Patientensicherheit empfiehlt das APS-Weißbuch? 

Auf internationaler Ebene wurden bereits zahlreiche Maßnahmen und komplexe Interventionen entwickelt und erprobt. Diese müssen in Deutschland jedoch noch auf breiter Front eingeführt werden. Hierdurch kann eine anhaltende Verbesserung erreicht werden. Das verlangt jedoch politische Führung und energisches Zusammenwirken der Akteure.  

Ein wichtiger Punkt ist hier die Verantwortung für Patientensicherheit in der zentralen Führungsebene, d.h. bei Geschäftsführungen, Aufsichtsgremien, Verbänden und in der Politik. Genauso wichtig ist die verpflichtende Durchführung von Trainingsangeboten, damit das Verständnis von Unsicherheit und der Notwendigkeit von Interventionen zur Innovation gefördert wird.  

Was meinen Sie konkret mit dem „Verständnis von Unsicherheit“? 

Im Gesundheitswesen ist die Akzeptanz von Unsicherheit weit verbreitet. Wir nennen das auch „intrinsische Unsicherheit“. Diese muss mit Trainings in Frage gestellt und durch eine Haltung ersetzt werden, die Unsicherheit als Problem anerkennt, das zielgerichtet angegangen werden kann. 

Es sollte daher verpflichtend sein, Verantwortliche für Patientensicherheit auf der höchsten Entscheidungsebene einzustellen, d.h. auf Ebene der Geschäftsführung und im Vorstand – mit Berichtspflicht an den Aufsichtsrat. Gesetzliche Maßnahmen, die die stärkere Verantwortlichkeit der Führungs- und Aufsichtsebenen für das Thema Patientensicherheit zum Ziel haben, sind ebenso notwendig wie die sorgfältige Integration von Instrumenten wie Public Reporting und Pay for Performance

Was muss Deutschland noch umsetzen, damit wir größtmögliche Patientensicherheit genießen?  

Damit haben wir uns kürzlich beim APS auseinandergesetzt. Das Ergebnis, unsere Kernforderungen zur Erhöhung der Patientensicherheit auf allen Ebenen der gesundheitlichen Versorgung im Hinblick auf die neue Legislaturperiode, haben wir in sieben konkreten Vorschlägen zusammengefasst und hier veröffentlicht.  

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Hecker.

 

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