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  5. Initiative für mehr CO₂e-Transparenz in der Lebensmittelindustrie
Illustration der Erde mit Menschen und Pflanzen

CO2e: „Unser Lebensmittelsystem muss transformiert werden, um die Klima-Ziele zu erreichen

Den ökologischen Fußabdruck unserer Lebensmittel kommunizieren – und ein deutsches Standard-Label dafür etablieren, das ist das erklärte Ziel vom Hafermilch-Produzenten Oatly und drei weiteren Unternehmen: „Weil die Politik nicht schnell genug handelt“. Brother hat nachgeforscht, wie der neue Kennzeichnungsstandard für den CO2e-Ausstoß funktionieren soll. Im Gespräch mit Svenja Fritz von Oatly Germany.

Avocado, Butter, Soja-Hack: wenn sie im Supermarkt einkaufen, wissen die meisten Verbraucher in Deutschland nicht, welche Produkte unser Klima wie stark belasten. Das soll sich nun ändern. Während Großbritannien bereits 2016 mit Carbon Trust einen nationalen Standard zum Klima-Labelling von Produkten aller Art eingeführt hat, gab es in Deutschland für Lebensmittel bis dato nur wenige Klima-Label, diese zudem ohne Angabe absoluter Treibhausgas-Emissionen.

Doch allmählich fassen die Bemühungen um die Kennzeichnung des CO2-Fußabdrucks von Lebensmitteln auch hierzulande Fuß – zumindest in der freien Wirtschaft. Der vegane Hafermilch-Hersteller Oatly, Mitte der 90er noch ein kleines Start-Up aus Südschweden, inzwischen weltbekannter Marktführer für Veganprodukte auf Basis von Hafermilch, entwickelt zusammen mit Nestlé, Frosta und MyMuesli jetzt ein Standardsiegel, das Konsumenten zukünftig Transparenz bieten soll.

KOMPASS hat mit Svenja Fritz, Head of Communication and Public Affairs DACH bei der Oatly Germany GmbH, gesprochen und nachgefragt, warum CO2-Labeling in der Lebensmittelbranche wichtig ist – und wann wir mit dem neuen Siegel rechnen dürfen.

Die Maßeinheit CO2e vereinheitlicht die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase.

Frau Fritz, was können Verbraucher derzeit auf Ihren Pflanzenmilch-Verpackungen mit Blick aufs Klima erfahren?

Svenja Fritz: Wir bilden seit 2019 den CO2e-Fußabdruck gut sichtbar auf allen unseren Produkten ab, entweder direkt vorne auf der Packung oder neben der Nährwerttabelle. Zur CO2e-Kennzeichnung unserer Produkte arbeiten wir mit einem externen Anbieter namens Carbon Cloud zusammen, der mithilfe von Lebenszyklusanalysen den CO2e-Fußabdruck unserer Produkte berechnet.

Wie errechnet sich ein CO2e-Fußabdruck bei Lebensmitteln – und wie korrekt ist er?

Fritz: Die Klimaauswirkungen unserer Produkte werden in „kg CO2e“ pro Kilogramm verpackter Lebensmittel ausgedrückt. Die Berechnungen beruhen auf sogenannten Öko-Bilanzierungen vom Feld bis zum Supermarkt. Konkret bedeutet das: Wir berücksichtigen alle Schritte des Lebenszyklus von der Produktion der landwirtschaftlichen Rohstoffe über den Transport, die Verarbeitung, Verpackung und den Vertrieb bis hin zum Supermarktregal. Dabei gibt es jedoch Grenzen: Der berechnete Fußabdruck berücksichtigt weder den Transport vom Lebensmittelgeschäft nach Hause noch das Kochen oder die Entsorgung der Verpackung.

Sie wollen aber, über Ihre Produkte hinaus, noch mehr bewegen, richtig?

Fritz: Ja. Im Herbst 2019 haben wir angefangen, uns mit anderen Unternehmen zusammenzuschließen und eine Petition gestartet mit dem Ziel, dass die transparente Kennzeichnung von Lebensmitteln mit dem CO2e-Fußabdruck zum Gesetz wird. Erfreulicherweise haben wir das Quorum von 50.000 Stimmen erreicht, sodass wir unser Anliegen dann ein Jahr später, im September 2020, vor dem Petitionsausschuss im Bundestag debattieren konnten.

Hatten Sie Erfolg mit der Petition?

Fritz: Wir haben leider noch immer keine Antwort aus dem Bundestag erhalten. Deshalb haben wir im September 2021 gemeinsam mit weiteren Unternehmen die Initiative Together for Carbon Labelling gegründet mit dem Ziel, die Grundlage für eine standardisierte und umsetzbare Berechnung zur CO2e-Kennzeichnung von Lebensmitteln zu schaffen. Wir wollen noch dieses Jahr die Rahmenbedingungen für eine standardisierte und produktspezifische CO2e-Berechnung und transparente Kommunikation dieser innerhalb der Lebensmittelindustrie präsentieren.

Warum ist die Öko-Bilanzierung und der entsprechende Nachweis durch ein Label auf der Verpackung von Lebensmitteln wichtig?

Fritz: Viele Menschen wissen nicht, dass beispielsweise Butter, Käse oder Fleisch vergleichsweise hohe Klimaauswirkungen haben. Verbraucher brauchen mehr Transparenz und vor allem Vergleichbarkeit, um nahhaltige Kaufentscheidungen beim Lebensmittelkauf treffen zu können. Es bringt wenig, wenn die Unternehmen alle ihre eigenen Standards zur CO2- oder Klima-Kennzeichnung von Produkten umsetzen. Das würde nur dazu führen, dass die Klimaauswirkungen von Produkten unterschiedlicher Hersteller schwer vergleichbar sind. Schon allein deshalb müssen wir uns auf einen Standard einigen, der für die gesamte Lebensmittelindustrie umsetzbar ist.

Warum überlassen Sie dies nicht der Politik?

Fritz: Ganz einfach: weil die Politik nicht schnell genug handelt. Wir können nicht darauf warten, bis wirklich alle verstanden haben, dass die Lebensmittelindustrie für rund ein Drittel der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist. Die Zeit läuft uns davon und wir müssen jetzt handeln, damit Verbraucher überhaupt die Möglichkeit bekommen, nachhaltige Kaufentscheidungen zu treffen. Das ist unserer Meinung nach nur realistisch, wenn endlich alle Lebensmittelunternehmen den CO2e-Fußabdruck ihrer Produkte offenlegen.

„Alle Lebensmittelunternehmen sollten den CO2e-Fußabdruck ihrer Produkte offenlegen“

Was braucht es denn noch, damit das neue Klima-Label für Deutschland in die Umsetzung kommt?

Fritz: Zum Einen geht es uns um schnelle und einfache Umsetzbarkeit, d.h. wir fokussieren uns im ersten Schritt auf eine standardisierte und produktspezifische CO2e-Kennzeichnung, da der CO2e-Ausstoß eine gute Gesamtübersicht über die generellen Klimaauswirkungen eines Produktes bietet. Neben der technischen Umsetzbarkeit geht es aber auch um ethische Rahmenbedingungen und eine wissenschaftlich fundierte Basis. Dazu arbeiten wir auch mit verschiedenen Wissenschaftlern und Experten zusammen, die auf diesem Gebiet forschen.

Wie werden Sie jetzt weiter vorgehen?

Fritz: Unser Ziel ist es zunächst Rahmenbedingungen zu entwickeln, die für alle Lebensmittelunternehmen leicht umsetzbar sind. Um nachhaltig etwas zu verändern, bedarf es allerdings auch politischer Entscheidungen, die noch immer ausstehen. Um auch hier Veränderung voranzutreiben, werden wir unsere Erkenntnisse auch den politischen Entscheidern präsentieren. Der Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung geht in die richtige Richtung, ist allerdings noch zu unkonkret. Aber es tut sich langsam was: Erst vor wenigen Tagen hat das Land Niedersachsen ein Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Klimalabels in Auftrag gegeben.

Ihre Einschätzung: warum wird die Politik nicht aktiv?

Fritz: Das ist eine gute Frage, die wir uns auch stellen. Die Klimaauswirkungen unseres Lebensmittelsystems haben es aus mir unerklärlichen Gründen noch nicht umfassend genug auf die politische Agenda geschafft. Das beste Beispiel hierfür ist die COP26 (UN Climate Change Conference) letztes Jahr, wo es in keinem Punkt der Hauptagenda darum ging, dass auch unser Lebensmittelsystem transformiert werden muss, um die Klimaziele zu erreichen. Das muss sich dringend ändern, daran arbeiten wir mit Hochdruck.

Vielen Dank für das Gespräch.

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